Schildkröten Babys bevorzugen Gesichter

Das ist zumindest die Interpretation des Ergebnisses einer Studie von Versace et al., welche im September 2020 in Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America veröffentlicht wurde. Für die Studie wurden 136 Schlüpflinge von Schildkröten der Gattung Testudo einzeln in eine Art Arena gesetzt, in deren Ecken sich Ovale Schildchen mit verschiedenen Mustern befanden, von denen eins ein Gesicht repräsentieren sollte. Dieses hatte oben zwei schwarze Punkte und unten einen Punkt, die in einem Dreieck angeordnet waren. Dann wurde beobachtet, zu welchem der Muster sich die Schildkröten bewegen. Dabei stellte man fest, dass die Schildkröten, je nach Vergleich, zwischen 70% und 74% das Gesichtsähnliche Schildchen bevorzugten.

(A) (i) Face-like, (ii) upside-down, (iii) top-heavy, (iv) asymmetrical, (v) horizontal, (vi) vertical, (vii) squared/noncongruent, and (viii) scrambled/congruent to contour. (B) Test apparatus: The subject was located in the starting point facing a short wall, and the first area entered with the entire shell was scored. (C) Preference for the face-like (vertical/congruent) stimulus as percentage of choices.

Ähnliche Tests wurden in der Vergangenheit schon mit Menschen, Affen und Hühnern gemacht. Nach derzeitigem Wissensstand geht man davon aus, dass die Vorliebe für Gesichter und die Fähigkeit Gesichter zu erkennen wo eigentlich keine sind daher rührt, dass wir (genauso wie Affen und Hühner) auf elterliche Fürsorge angewiesen sind und daher auf Gesichter programmiert sind. Schildkröten werden jedoch nicht von ihren Eltern großgezogen und sind zudem Einzelgänger. Von daher sind sie in keiner Weise darauf angewiesen Gesichter zu erkennen und sich nach ihnen auszurichten. Die Forscher werten dies als einen Indiz dafür, dass diese Fähigkeit bereits für einen gemeinsamen Vorfahren von Reptilien, Vögeln und Säugetieren eine Rolle gespielt haben muss und sich somit schon vor hunderten Millionen Jahren entwickelt hat.

Quelle:
Versace et al. – Early preference for face-like stimuli in solitary species as revealed by tortoise hatchlings