Über die Abstammung der Schildkröte
Obwohl man heute ein ganz gutes Bild davon hat, wie sich der Panzer der Schildkröte entwickelt hat, ist das Rätsel um die Abstammung der Schildkröte noch nicht vollständig gelöst. In einer neuen Studie von Xavier A. Jenkins et al. wurden bisherige fossile Funde noch einmal untersucht und dabei ein Doppelgänger enttarnt. Dieser teilt zwar einige Merkmale der Ur-Schildkröte, gehört selbst aber gar nicht dazu.
In den letzten 10 bis 15 Jahren wurde von zahlreichen Forschern Eunotosaurus africanus als älteste Ur-Schildkröte angesehen bzw. vorgeschlagen. Eunotosaurus lebte vor ca. 260 Millionen Jahren und wies schon verbreiterte Rippenknochen auf, aus denen sich später der Panzer entwickelt hat. Allerdings wollte Eunotosaurus nie so recht ins Bild passen. Morphologisch, also vom Körperbau her, passt das Ganze zwar, doch auf molekularbiologischer Ebene sind die Unterschiede zu groß. Schildkröten werden molekularbiologisch zu den Archosauria gezählt. Sie sind somit nah mit Vögeln und Krokodilen verwandt. Eine Verwandtschaft mit Eunotosaurus würde Schildkröten aber eher zu den Lepidosauria einordnen (oder sogar ganz woanders), was eine engere Verwandtschaft mit Echsen und Schlangen nahelegen würde. Da ist sich die Wissenschaft aber recht einig, dass dies nicht der Fall ist.
In der oben genannten Studie wurden gefundene Knochen bisheriger Ur-Schildkröten mit moderner Technik noch einmal genauer angeschaut. Die Forscher kamen dabei zu der Überzeugung, dass Eunotosaurus ganz woanders, nämlich bei den Milleretiden, einzuordnen ist. Die verbreiterten Rippenknochen erklären sich die Wissenschaftler so, dass sich diese einfach zufällig parallel zu den Rippen der Vorfahren der Schildkröte entwickelt haben. Diesen Effekt, dass nicht miteinander verwandte Arten gleiche Merkmale ausbilden, nennt man konvergente Evolution. Als Beispiel gibt es einige Beuteltiere in Australien, die ein Plazentatier als Doppelgänger in Europa oder Amerika haben, wie etwa Beutelmull und Maulwurf. Aber auch bei Pflanzen gibt es das Phänomen, wie z. B. bei Kakteen und Wolfsmilchgewächsen.

Laut Jenkins et al. würde die Neueinordnung sowohl von Eunotosaurus als auch der Pantestudines (Also die Gruppe der Vor-Schildkröten) einen Großteil der bisherigen Widersprüche zwischen Morphologie und Molekularbiologie auflösen. Zudem bringt es Klarheit darüber, wie sich die Schildkröten entwickelt haben müssen. So konnten Merkmale veränderter Knochenstrukturen und Muskelanordnungen zeitlich eingeordnet werden, ob diese sich vor oder nach der Ausbildung des Panzers entwickelt haben müssen.
Quellen
- Xavier A. Jenkins et al. – The phylogenetic origin of turtles, current Biology, 2026, 0
- Beitragsbild: Smokeybjb, CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, via Wikimedia Commons

