Schildkröte des Jahres 2026: Großkopfschildkröte
Heute am Welt-Schildkröten-Tag küre ich wieder die Schildkröte des Jahres. Dieses Jahr geht der Titel an die Großkopfschildkröte. Eine Art mit mehreren Besonderheiten.
Verbreitungsgebiet & Aussehen
Die Großkopfschildkröte Platysternon megacephalum ist mit ihren bislang drei anerkannten Unterarten im Süden Asiens beheimatet. Dort kommt sie in den Ländern Kambodscha, China, Laos, Myanmar, Thailand und Vietnam vor [1]. Sie besiedelt überwiegend saubere, kühle (12 °C – 28 °C) Fließgewässer von 7 – 32 cm Tiefe und einem halben bis eineinhalb Meter Breite. Die Gewässer sind zumeist durch steinige Flussbetten und kleinere Wasserfälle charakterisiert. In manchen Gebieten werden aber auch kleinere stehende Gewässer von den Großkopfschildkröten genutzt [5, 6, 7].

Die Art zählt mit einer Panzerlänge von 20 – 25 cm [4] zu den mittelgroßen Schildkröten. Von der Panzerfärbung her wurden zwei Phänotypen beobachtet: ein eher grün-braunen Ton und einem eher gelb-braunen Ton für den Rückenpanzer und Körper. Der Bauchpanzer hingegen ist eher orange mit schwarzen Flecken. Das auffälligste und namensgebende Merkmal ist der überproportional große Kopf, den sie bei Gefahr nicht vollständig einziehen kann. Ebenfalls sehr groß ist der Schwanz, der genauso lang werden kann wie der Panzer.
Lebensweise & Ernährung
Die Großkopfschildkröte hält sich überwiegend im Wasser auf und entfernt sich bei den seltenen Landgängen lediglich ein paar Meter vom Wasser. Generell bewegt sie sich nur sehr wenig. So wurden in Südchina 16 Individuen getrackt, die sich am Tag zwischen 0 und maximal 89,6 m bewegten [7]. Auch in einer zweiten Studie mit 27 wildgefangenen Individuen in Hong-Kong wurden ähnlich niedrige Werte (0 – 140 m) ermittelt [5]. Dabei zeigt sich, dass Platysternon megacephalum nachtaktiv ist.
Als omnivore Schildkröte ernährt sie sich von den Früchten der Machilus-Pflanze, Insekten, sonstigem Pflanzenmaterial, Krabben und Weichtieren.
Paarungszeit ist im Mai. Die anschließende Eiablage findet zwischen Juni und August statt. Dafür gräbt das Weibchen in unmittelbarer Nähe zum Fluss ein Loch, in welches sie zwischen 2 und 4 Eier legt. Bedenkt man, dass Großkopfschildkröten nur ein Gelege pro Jahr legen, ist das eine erstaunlich geringe Reproduktionsrate. Offenbar muss die Überlebenschance bis zum Erreichen der Geschlechtsreife ziemlich hoch sein. In freier Wildbahn dauert es zwischen 98 und 105 Tagen bis die Jungtiere schlüpfen [9]. Künstlich bebrütete Eier brauchen bei Temperaturen zwischen 23,8 °C und 27,7 °C 66 – 90 Tage [8].
Da sie ihren Kopf bei Gefahr nicht einziehen kann, sieht die Art den Angriff als die beste Verteidigung an und tritt bei Gefahr sehr aggressiv auf, um ihre Feinde zu vertreiben. In Gefangenschaft konnte zudem beobachtet werden, dass die Männchen untereinander eine Rangfolge haben, die sich nach der Panzergröße richtet. So können sich die größeren Männchen freier und in einem größeren Radius durchs Gehege bewegen als die Kleineren [10]. Ob es solche Rangfolgen auch in freier Wildbahn gibt, konnte ich nicht herausfinden.

Gefährdungsstatus
Die Art ist in der Roten Liste gefährdeter Arten der IUCN als „critically endangered“ (vom Aussterben bedroht) mit sinkender Population eingestuft [1]. Zudem befindet sie sich in Anhang I des Washingtoner Artenschutzabkommens [3]. Krankheiten und die Nutzung als Nahrungsquelle durch die lokale Bevölkerung sind dabei weniger ein Problem als z. B. der Verlust des Lebensraums. Die größte Gefahr jedoch geht von illegaler Bejagung und Handel aus. Zudem ist es sehr schwierig die Art in großer Zahl zu züchten, sodass es Schutzprojekte sehr schwer haben, die Art durch Auswilderung von Nachzuchten aufrechtzuerhalten. Das liegt zum einen an der bereits erwähnten geringen Anzahl an Eiern pro Gelege und zum anderen an den erhöhten Krankheitsfällen, die sich in Gefangenschaft zeigen.
In Vietnam genießt die Großkopfschildkröte den höchsten Schutzstatus für Wildtiere. Handel, Töten, Besitz (auch von Teilen wie z. B. Panzer oder Knochen) oder ein nicht genehmigter Transport werden nach den dortigen nationalen Gesetzen mit bis zu 5 Jahren Freiheits- und bis zu 2 Milliarden VND (entspricht ca. 65.000 €) Geldstrafe geahndet [2].
Haltung
Seit ihrer Listung in CITES Anhang I, ist es nicht mehr so einfach möglich die Art privat zu halten. Lediglich für Forschungs- und Arterhaltungszwecke dürfen die Tiere mit Genehmigung gehalten werden. Die Haltung soll wohl auch nicht so leicht sein, da die Art anfällig für Krankheiten ist. Wenn du dich mehr dafür interessierst, empfehle ich dir den Haltungsbericht von Benjamin LePrince.
Titel
Der riesige Kopf, den sie nicht einziehen kann, als Alleinstellungsmerkmal, die Tatsache, dass sie eine nachtaktive Schildkröte ist, sowie das absolut erfüllte Klischee von der faulen, inaktiven Schildkröte, machen die Großkopfschildkröte 2026 zur Schildkröte des Jahres.
Quellen
[1] IUCN Redlist: Big-headed Turtle
[2] Ha Hoang, Timothy E.M. McCormack, Benjamin Tapley (2021). A survival blueprint for the Big-headed turtle, Platysternon megacephalum, in Vietnam, an output from the EDGE of Existence fellowship, Zoological Society of London, London, UK
[3] Washingtoner Artenschutzabkommen: CITES Anhang I
[4] Chan-ard, T. et al. (2012) ‘Measurements of the Big-Headed Turtle (Platysternon megacephalum Gray, 1831)(Platysternidae, Testudines) from Phu Luang, Loei Province, Northeastern Thailand’
[5] Sung, Y., Hau, B. C. H. and Karraker, N. E. (2015) ‘Spatial ecology of endangered big‐headed turtles (Platysternon megacephalum): Implications of its vulnerability to illegal trapping’, The Journal of Wildlife Management, 79(4), pp. 537–543.
[6] Ernst, C. H. and Laemmerzahl, A. F. (2002) ‘Geographic variation in the Asian bigheaded turtle, Platysternon megacephalum (Reptilia: Testudines: Platysternidae)’, PROCEEDINGS-BIOLOGICAL SOCIETY OF WASHINGTON, 115(1), pp. 18–24.
[7] Shen, J.-W., Pike, D. A. and Du, W.-G. (2010) ‘Movements and Microhabitat Use of Translocated Big-Headed Turtles (Platysternon megacephalum) in Southern China’, Chelonian Conservation and Biology. Chelonian Research Foundation, 9(2), pp. 154–161. doi: 10.2744/CCB-0833.1.
[8] Wallace, M. (2017) ‘Platysternon Megacephalum Captive Breeding and Hatchling Care’, p. 10.
[9] Shelmidine, N., Murphy, B. and Biology, K. M. (2016) ‘Husbandry and propagation of the Chinese big‐headed turtle (Platysternon megacephalum) at the Wildlife Conservation Society’s Prospect Park Zoo’, Wiley Online Library, 35, pp. 174–179. doi: https://doi.org/10.1002/zoo.21271. [10] Gong, S. et al. (2019) ‘Unique multiple paternity in the endangered big‐headed turtle (Platysternon megacephalum) in an ex situ population in South China’, Ecology and evolution. Wiley Online Library, 9(17), pp. 9869–9877.
Bild: Totti, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

