Schildkröten können komplexe Bilder verarbeiten.
Wissenschaftler der Universität Tel Aviv haben durch die Aufzeichnung neuronaler Reaktionen im Gehirn von Schildkröten, sowie durch Tracking derer Augenbewegungen herausgefunden, dass Schildkröten in der Lage sind zwischen vorhersagbaren und abnormalen visuellen Reizen zu unterscheiden. Das ganze ist dabei unabhängig davon, wo der Reiz auf die Retina (Netzhaut) trifft. Somit ist es Schildkröten auch bei Bewegung möglich zu unterscheiden, ob ein Objekt ihr bekannt ist oder neu ist. Wenn eine Schildkröte also ein Objekt sieht, weiter läuft oder ihren Kopf bewegt und das Objekt nun aus einem anderen Winkel sieht, wodurch das Objekt möglicherweise anders aussieht als vorher, dann erkennt sie trotzdem, dass es sich dabei noch um das selbe Objekt handelt und nicht plötzlich ein neues Objekt aufgetaucht ist. Andersherum erkennt sie aber auch, falls ein neues Objekt in ihrem Sichtfeld auftaucht. Für landlebende Tiere ist das tatsächlich sehr wichtig zu unterscheiden, ob eine veränderte Sicht lediglich durch die eigene Bewegung erzeugt wurde, oder ob es sich dabei um eine potentielle Gefahr oder Chance handelt.
Das Schildkröten in der Lage sind eine solche Unterscheidung zu tätigen mag jetzt etwas banal klingen, die Erkenntnis stellt aber einen Durchbruch im Verständnis der Gehirnevolution dar. Das spannende ist nämlich, dass diese enorme Rechenleistung im Dorsalen Cortex, salopp gesagt: einer primitiven Urform des Neo Cortex bei Säugetieren, stattfindet. Bisher konnte man dies nur im hochentwickelten Neo Cortex von Säugetieren nachweisen und ging davon aus, dass Reptilien mit ihren vergleichsweise einfachen Gehirnen nicht unbedingt dazu in der Lage seien. Die spannende Frage, die sich jetzt stellt, ist, ob sich diese Fähigkeit einfach sehr früh in der Gehirnevolution bei einem gemeinsamen Vorfahren oder sogar unabhängig voneinander auf den verschiedenen „Systemen“ entwickelt hat.

Quelle: Milan Becker et al., View-invariant representations in ancestral cortex. Sci. Adv. 11, eady9659 (2025). DOI:10.1126/sciadv.ady9659

